Wien: Vortrag über Künstliche Intelligenz aus sozialethischer Perspektive

Die Johannes-Messner-Gesellschaft lud am 08. April 2026 zu einer öffentlichen Veranstaltung über Künstliche Intelligenz und ihre sozialethischen Implikationen ein. Als Referent war der Theologe und Sozialethiker Mag. Eugen Dolezal von der Universität Wien geladen. Dolezal stellte seine Ausführungen unter den Titel „Zwischen Innovation und Tradition“ und verband dabei aktuelle Debatten um KI mit Grundlinien der katholischen Sozialethik. Bezugspunkt war auch das 135. Jubiläum der Sozialenzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. Die sozialen Umbrüche der industriellen Revolution wiesen, so seine These, Parallelen zu den gegenwärtigen Veränderungen durch die digitale Revolution auf.

Im Zentrum des Vortrags stand zunächst die Frage nach neuen Machtasymmetrien durch KI. Dolezal argumentierte, an die Stelle klassischer Produktionsmittel sei heute zunehmend die Kontrolle über Rechenkapazitäten, Daten und technologische Infrastruktur getreten. Die Konzentration dieser Ressourcen in den Händen weniger Konzerne berühre nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische und demokratische Grundfragen. Wo zentrale kognitive Infrastrukturen privatisiert würden, gerieten staatliche Souveränität, öffentliche Meinungsbildung und das Gemeinwohl unter Druck.

Mit Blick auf die Arbeitswelt sprach Dolezal von einer „neuen Arbeiterfrage“. Künstliche Intelligenz könne Erwerbsarbeit nicht nur unterstützen, sondern auch systematisch entwerten: Arbeit dürfe nicht auf einen bloßen Produktionsfaktor reduziert werden, sondern müsse als Ausdruck von Personalität, Beziehung und gesellschaftlicher Teilhabe verstanden werden. In diesem Zusammenhang warnte Dolezal auch vor einer Entwicklung, in der Menschen selbst innerhalb von Kontroll- und Aufsichtssystemen nur noch als funktionale Ergänzung maschineller Prozesse zur Verantwortungsdelegation behandelt würden.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der globalen Dimension der KI-Entwicklung. Dolezal verwies auf die oft verborgenen materiellen und personellen Voraussetzungen datenbasierter Systeme und kritisierte insbesondere die Auslagerung belastender Tätigkeiten in den Globalen Süden. Prozesse wie Datenannotation und Reinforcement Learning würden vielfach von prekär beschäftigten Arbeitskräften unter problematischen Bedingungen erbracht. Darin zeige sich, so Dolezal, eine neue Form ausgelagerter Ausbeutung, die im westlichen Technologiediskurs häufig unsichtbar bleibe. Eine sozialethische Bewertung von KI müsse deshalb auch die Produktionsbedingungen der Systeme und die vorrangige Option für die Armen und Verwundbaren in den Blick nehmen.

Darüber hinaus thematisierte der Vortrag die Tendenz, menschliche Relationalität, Verletzlichkeit und Leiblichkeit im technologischen Denken zu marginalisieren. Besonders kritisch bewertete er Strömungen, die in KI ein Medium der Selbsttranszendenz, der digitalen Fortexistenz oder gar ein säkulares Erlösungsversprechen sähen. Solche „digitalen Eschatologien“ deutete er als Ausdruck einer kulturellen Verschiebung, in der technische Machbarkeit an die Stelle religiöser Hoffnung trete.

Als Beispiel nannte Dolezal Anwendungen, die Verstorbene durch KI-gestützte Simulationen scheinbar präsent halten sollten. Solche Systeme könnten Trauerprozesse mechanisieren und in ökonomische Abhängigkeiten überführen. Grundsätzlich warnte er davor, Künstliche Intelligenz mit Erwartungen zu überfrachten, die eigentlich in den Bereich zwischenmenschlicher Beziehung, moralischer Verantwortung und religiöser Sinngebung gehörten.

Im Schlussteil plädierte Dolezal dafür, KI weder technikfeindlich zurückzuweisen noch unkritisch zu idealisieren. Vielmehr brauche es eine Gestaltung, die sich an Menschenwürde, Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität orientiere. Technologische Innovation dürfe nicht zum Selbstzweck werden, sondern müsse dem Menschen dienen. Die katholische Sozialethik könne dafür einen Ordnungsrahmen bereitstellen, der Fortschritt anerkenne, ihn aber normativ an die Person rückbinde.

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