Das Naturrecht: eine Antwort auf die Gefahren des Totalitarismus

Dr. Marie Cabaud Meaney

Das Böse tritt in einem totalitären Staat als Pflicht auf, anstatt wie in der Vergangenheit als Versuchung, wie Hannah Arendt so treffend formuliert. Die meisten Menschen folgen dem Zeitgeist, so dass sich, wie diese Philosophin in Eichmann in Jerusalem schreibt, „unter den Umständen des Dritten Reiches nur ‚Ausnahmen‘ noch so etwas wie ein ‚normales Empfinden‘ bewahrt hatten“. Denn es hätte heroischen Mutes und großer Klarsicht bedurft, um das Gefühl für Richtig und Falsch zu bewahren. Dass das Naturgesetz eine Richtungslinie – trotz der von den Ideologien gestifteten Verwirrung – bieten könnte, akzeptiert sie hingegen nicht. Weil ein solch unwandelbares Gesetz von vielen nicht angenommen wird, reicht für sie aus dieses als irrelevant zur Seite zu schieben. Dabei bleibt ihre Kritik am Naturrecht oberflächlich: sie unterschätzt völlig seine Bedeutung in der Geschichte der Philosophie und verwechselt es außerdem mit Naturgesetzen (wie der Schwerkraft), die etwas ganz anderes sind. Letztere, wie bekannt, sind weder ewig, sondern nahmen ihren Anfang mit dem Kosmos, noch unveränderlich; denn Wunder können die Naturgesetze außer Kraft setzen, während nicht einmal Gott das inhärent Böse in etwas Gutes verwandeln könnte. Diesen blinden Fleck Arendts besitzt ihre französische Zeitgenossin, Simone Weil, nicht.  Weiterlesen

Rezension zu „Das Naturrecht“

Das Naturrecht. Quellen und Bedeutung für die Gegenwart, hgg. im Auftrag der Johannes Messner-Gesellschaft von Herbert Pribyl und Christian Machek. Heiligenkreuz 2015, 248 Seiten, Verlag Be&Be.ISBN: 978-3-902694-84-3.248 Seiten.

von Harald Seubert

Das Naturrecht ist in der antiken Philosophie als die unbestreitbare Richtschnur des Gebotenen und zugleich dem Menschen Dienlichen gesehen worden. Natur meint dabei immer die Wesensnatur.  Paulus versteht es (Röm 2, 14-15) als die dem Menschen ins Herz geschriebene allgemeine Offenbarung („Revelatio generalis“), in der er auch diesseits der Offenbarung Gottes Willen erkennen kann. Umgekehrt zeigt sich in der Verletzung des Naturrechts eine sittliche Desorientierung, die durch kein gesatztes Recht aufzufangen ist. Seit alters war die Naturrechtslehre in der Linie von der antiken politischen Philosophie und dem christlichen Glauben neben Offenbarung und Kirchenlehre eine der großen Quellen der katholischen Moral- und Soziallehre. Im 20. Jahrhundert hat Johannes Messner (1891-1984) die Naturrechtslehre umfassend systematisch dargestellt und entwickelt.  Heute tritt sie auch innerhalb der katholischen Theologie in der Mehrheitsmeinung in den Hintergrund. Papst Benedikt XVI. hat indes unter anderem in seiner großen Rede vor dem deutschen Bundestag 2011 an das Naturrecht und damit an die bedeutendste vorpositive Quelle positiver Rechtssetzung erinnert. Vor diesem Hintergrund ist es sehr zu begrüßen, dass ein gewichtiger Sammelband der Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz sich Erbe und Aktualität, aber auch näherer Bestimmung des Naturrechts widmet. Dies geschieht in einer Reihe von durchgehend wichtigen Aufsätzen, die ein in sich strukturiertes Ganzes ergeben. Weiterlesen

Naturrechtliches Gemeinwohldenken als Grundlage von Demokratie

Dr. Christian Machek

Welche sind die Grundlagen der Demokratie, genauer: der liberalen Demokratie, in der wir heute leben? Es scheint, dass ein Pluralismus und auch ein Werterelativismus ihre Grundlage geworden seien. Könnten diese jedoch für eine Gemeinwohlorientierung der Demokratie ausreichen? Oder ist nicht vielmehr zunächst jene Auffassung richtig, die als Böckenförde-Diktum bekannt geworden ist: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“?

Was ist überhaupt die Demokratie? Herrschaft des Volkes? Gibt es diese (noch)? Es gibt zweifelsohne unterschiedliche Realisierungen von Demokratie, wenn man etwa an die direkte Demokratie der Schweiz im Unterschied zu repräsentativen Demokratien denkt. Es gibt ferner divergierende Demokratietheorien. Wir denken etwa an Rousseaus Theorie der Volkssouveränität und seinen volonté generale, dem totalitär der Wille aller unterzuordnen sei. Das Naturrecht hat im Unterschied dazu in der demokratischen Entscheidung immer eine Annäherung an die Wahrheit des Gemeinwohles gesehen. Gemeinsam ist in allen Vorstellungen von Demokratie zunächst die individuelle Freiheit. Alle individuellen Anliegen des Volks sollen in der Demokratie idealerweise zu einem Ordnungsganzen zusammengefasst werden. Weiterlesen

Zur Aktualität des Naturrechts für die Weltgemeinschaft

 

Zu Maria Raphaela Hölschers Buch «Das Naturrecht
bei Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. Die Bedeutung des Naturrechts in Geschichte und Gegenwart»

von Urs Knoblauch, Kulturpublizist, Fruthwilen /CH

Das Naturrecht bildet eine ethische Grundlage, die für alle Menschen und Kulturen, unabhängig von Weltanschauung, Religion und Kultur gültig ist. Maria Raphaela Hölscher zeigt in ihrem Buch, wie im Verständnis des Naturrechts von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. wissenschaftliche, «philosophische und theologische Hintergründe engstens miteinander verknüpft sind». (S. 15) Dabei wird auch das Werk von Johannes Messner (1891–1984) und Rudolf Weiler (*1928) gewürdigt; ebenso werden zahlreiche Quellen und wissenschaftlichen Arbeiten zum Naturrecht beigezogen. Aktuelle Bezüge zum gegenwärtigen Zustand der politischen Kultur werden hergestellt.

Die naturrechtliche Tradition geht auf Aristoteles und besonders auf die Stoa zurück, «die von der Stimme der Vernunft und dem Gesetz der Natur des Menschen gesprochen hat». (S. 9) Die Autorin betont, dass es in einer «zweieinhalbtausendjährigen Debatte» immer wieder «um einen Maßstab für Moral- und Rechtsgesetze» ging. (S. 14) «Das Naturrecht sei», so Ratzinger, «besonders in der Katholischen Kirche die Argumentationsfigur geblieben, mit der sie in den Gesprächen mit der säkularen Gesellschaft und mit anderen Glaubensgemeinschaften an die gemeinsame Vernunft appelliere. Mit ihm würde die Grundlage für eine Verständigung über ethische Prinzipien des Rechts in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft gesucht.» (S. 35) In Bezug auf die Soziallehre der katholischen Kirche zeigt Hölscher, indem sie auf Benedict XVI. bezieht, dass sie «von der Vernunft und vom Naturrecht her argumentiert, das heißt von dem aus, was allen Menschen wesensgemäß ist». (S. 38) Der Mensch als leib – seelische, emotionale Sozialnatur ist mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit zur Transzendenz ausgezeichnet. Weiterlesen

Der Kern des Naturrechts aus der Perspektive der Katholischen Soziallehre

Vortrag von Josef Spindelböck

Vortrag anlässlich des Sommertreffens des Hayek-Clubs Salzburg am 21. Juli 2017 im Hotel Altstadt / Radission Blue, Salzburg

Prof. Josef Spindelböck

Im Vortrag ging Prof. Spindelböck auf philosophische Wurzeln der Naturrechtslehre bei Aristoteles und in der Stoa ein sowie auf naturrechtliche Aspekte im Römerbrief des Apostel Paulus. Daran schloss sich eine Darlegung der Erkenntnis des natürlichen Sittengesetzes („lex naturalis“) bei Thomas von Aquin an. Die Naturrechtslehre wurde schließlich in der jüngeren Vergangenheit erneuert und weiterentwickelt durch Univ.-Prof. Dr. Johannes Messner (+1984), der die existenziellen Zwecke des Menschseins herausgearbeitet hat. Überblicksmäßig ging der Referent des Weiteren auf die naturrechtlich verankerten Sozialprinzipien von Personalität, Solidarität, Gemeinwohl und Subsidiarität ein.

Hier einige Leitgedanken des Vortrags: Weiterlesen

Naturrecht–zeitlos

Ein Gastbeitrag von Andreas Laun

Als ich das erste Mal den Fuß in einen universitären Hörsaal setzte, gab es in Salzburg einen Benediktiner namens Auer, Professor der Philosophie, der mit viel Emotion und Leidenschaft vom Naturrecht sprach. Ich gestehe, dass ich damals von der mir unbekannten Rhetorik beeindruckt war, aber nicht wirklich verstand. Viel später schlug mir mein späterer Doktorvater vor, über das Naturrecht zu schreiben und zwar mit dem Auftrag, das Naturrecht als Grundlage der Enzyklika „Humanae vitae“ zu widerlegen, ja lächerlich zu machen. Damals herrschte bei den deutschen Moraltheologen das Vorurteil, das Naturrecht sei ein längst widerlegtes Relikt aus einer Zeit der Unfähigkeit, kritisch zu denken. Es sie doch längst klar geworden , dass das Naturrecht ein sumpfiger Boden sei, auf der ein Akademiker keine Theorie aufbauen könne. Weiterlesen