Papst Leo XIV. über Gesellschaft, Menschlichkeit und Frieden

Aus einer Ansprache von Papst Leo XIV. vor dem spanischen Parlament am 8.6.2026

in: https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/speeches/2026/giugno/documents/20260608-spagna-parlamento.html[12.6.2026]

„Von Spanien aus trugen die Überlegungen der Schule von Salamanca – und insbesondere die von Pater Francisco de Vitoria und anderen Dominikanern und Jesuiten – dazu bei, ein rechtliches und moralisches Bewusstsein zu formen, das daran erinnert, dass Autorität stets mit Verantwortung einhergeht und dass jeder Mensch als Träger von Rechten und Pflichten anerkannt werden muss. Dieses Anliegen ist auch heute noch aktuell: dass Würde, Gerechtigkeit und das Gemeinwohl der Maßstab der sozialen Beziehungen sein sollen, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Dies ist eines der großen Vermächtnisse Spaniens: das historische Handeln mit der Klarheit der etischen Vernunft verbunden zu haben. (…) Dieses Erbe lebt auch in diesem Parlament weiter, jedes Mal, wenn sich der Gesetzgeber fragt, wie sichergestellt werden kann, dass das Mögliche auch gerecht ist, dass das Gesetz wahrhaft menschlich ist und dass der Wille der Mehrheit jene Güter schützt, die allen gehören, und das respektiert, was zu verletzen keine Mehrheit das Recht hat.

Die Frage von Salamanca begleitet nach wie vor die Arbeit derjenigen, die im öffentlichen Leben wirken. Heute lassen sich die neuen Welten, die sich vor uns auftun, nicht mehr auf Landkarten abbilden: Sie entstehen im Bereich der Technik, der Wirtschaft, der Biomedizin und im digitalen Universum, wo die Macht des Menschen immer sensiblere Bereiche des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens betrifft.

Der Fortschritt bietet bewundernswerte Möglichkeiten, und dies zeigt sich heute in einzigartiger Weise in der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und neuen Technologien. Wie ich in meiner jüngsten Enzyklika in Erinnerung gerufen habe, ist Technologie an sich nicht neutral, denn sie nimmt die Züge dessen an, der sie konzipiert, finanziert, reguliert und nutzt (vgl. Magnifica humanitas, 9); deshalb muss sich unsere Unterscheidung angesichts der Veränderungen unserer Zeit auf die Frage konzentrieren, welchen Platz der Mensch in unseren Entscheidungen einnimmt und wie sich heute die Würde der Arbeit, die Solidarität, die Sozialpolitik und das Gemeinwohl auf neue Weise darstellen.

Diese Unterscheidung beginnt mit einer grundlegenden Feststellung: Jede wahrhaft gerechte Gesellschaft gründet auf der Anerkennung der unantastbaren Würde des Menschen. Diese Würde geht jeder Zuerkennung vonseiten des Staates voraus und darf nicht wechselhaften gesellschaftlichen Konsensen oder den momentanen Mehrheitsmeinungen untergeordnet werden (vgl. Benedikt XVI., Ansprache vor dem Deutschen Bundestag, 22. September 2011). Sie steht jedem Menschen allein aufgrund seiner Existenz zu und muss daher jede positive Rechtsordnung prägen. Der christliche Glaube proklamiert sie ausgehend von der Offenbarung; die menschliche Vernunft kann sie als ein in der Wahrheit des Menschen verankertes Erfordernis erkennen (vgl. ebd.). Wenn diese Überzeugung lebendig bleibt, wird das Recht zum Schutz für alle und zur Garantie gegen die Durchsetzung partikularer Interessen und Agenden.

Auf dieser Grundlage möchte ich heute ein ruhiges und entschlossenes Wort an diejenigen richten, die die große Verantwortung tragen, das gesellschaftliche Zusammenleben rechtlich zu regeln. Dieses Zusammenleben kann durch die Wegwerfkultur bedroht sein, worauf Papst Franziskus oft hingewiesen hat (vgl. Ansprache vor der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben, 27. September 2021). In diesem Sinne stellt sich die Frage: Welche Zukunft haben unsere Gesellschaften, wenn das Leben nicht mehr als grundlegender Wert anerkannt wird? Kann eine Gemeinschaft, die das ungeborene Kind, den alten Menschen, den Kranken, den still Leidenden oder denjenigen, der ganz auf die Fürsorge anderer angewiesen ist, ausblendet, als wirklich gerecht bezeichnet werden? Die Verteidigung des menschlichen Lebens ist weder eine Partei- noch eine konfessionelle Angelegenheit: Sie ist ein zivilisatorisches Ziel. Jedes menschliche Leben muss von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Lebensende, unter allen Umständen seiner Existenz, anerkannt und geschützt werden. Wenn diese Gewissheit verblasst, sind die Schwächsten die ersten Opfer, und das Gesetz verliert seine tiefste Bedeutung: jedem Menschen zu dienen und ihn zu schützen. Deshalb zeigt sich die moralische Größe einer Nation vor allem in ihrer Fähigkeit, jene Leben zu begleiten, zu schützen und zu lieben, die sich in einer besonders fragilen Lage befinden.

(…)

In diesem Zusammenhang kommt der Familie, der ersten menschlichen Gegebenheit und natürlichen Grundlage der Gemeinschaft, besondere Bedeutung zu. Im Zuhause verbinden sich die Generationen miteinander, und es wird eine lebendige Erinnerung weitergegeben, die der Gesellschaft innere Kontinuität verleiht. Wo die Familie unterstützt wird, wird auch die geistige und soziale Stabilität der Nationen gestärkt. Die Familie wird immer die erste Schule der Menschlichkeit sein, in der man früher als an jedem anderen Ort die grundlegenden Regeln des Zusammenlebens erlernt: das Leben anzunehmen, für den anderen da zu sein, zu vergeben, zu dienen und dazuzugehören

Auch die Bildungseinrichtungen spielen bei dieser Aufgabe eine entscheidende Rolle. In ihnen können die neuen Generationen lernen, die Wahrheit zu suchen und zu lieben, sich Fragen über den Sinn des Lebens und die Würde jedes Menschen zu stellen.

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Die Situation von Migranten und Flüchtlingen erfordert eine Antwort, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, die die Ursachen ihres Weggangs angeht und über die bloße Steuerung der Migrationsströme hinausgeht. Daraus ergibt sich ein doppeltes Erfordernis sozialer Gerechtigkeit: sichere und legale Wege, würdige Aufnahmebedingungen und echte Integrationsmöglichkeiten zu bieten; und gleichzeitig das Recht zum Verbleib im eigenen Land zu fördern, indem darauf hingearbeitet wird, dass niemand sein Zuhause aufgrund von Mangel an Frieden und Sicherheit oder aufgrund von menschenunwürdigen Lebensbedingungen verlassen muss, zu denen auch wirtschaftliche Ungerechtigkeiten und die Auswirkungen der Klimakrise gehören (vgl. Magnifica humanitas, 81).

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Die Welt befindet sich in einer tiefen geistigen und kulturellen Krise, die sich in vielfältigen Formen von Gewalt, Polarisierung und gegenseitigem Misstrauen äußert. In diesem Zusammenhang stellt sich der Frieden als politisches Ziel und darüber hinaus als echte moralische Notwendigkeit dar. Er verlangt nach einem öffentlichen Diskurs, der Andersdenkende respektiert, nach Institutionen, die der Begegnung dienen, nach einem historischen Gedächtnis, das nach Wahrheit und Versöhnung strebt, sowie nach einem gesellschaftlichen Leben, das in der Lage ist, soziale Freundschaft und gegenseitigen Respekt auch bei Meinungsverschiedenheiten aufrechtzuerhalten.

Auf internationaler Ebene erfordert Frieden diplomatischen Mut, ethische Verantwortung und eine Zukunftsvision, die auf der Achtung der Identität jedes Volkes und der Verpflichtung der Staaten beruht, ihre Streitigkeiten auf den friedlichen Wegen zu lösen, die das Völkerrecht bietet. Jeder Krieg ist letztlich eine schmerzhafte Niederlage für die Fähigkeit zu verhandeln und auch für jenes allgemeine Bewusstsein der Menschheit, das zwischen den Nationen Bande der Gerechtigkeit erkennt. Waffen mögen vorübergehend für Ruhe sorgen, doch sie werden niemals einen echten und dauerhaften Frieden schaffen können.

Darum ist es besorgniserregend, dass sich an verschiedenen Orten der Welt, auch in Europa, die Aufrüstung erneut als fast unvermeidliche Antwort auf die Instabilität der internationalen Lage darstellt. Wahre Sicherheit hingegen entspringt der Gerechtigkeit, dem geduldigen Dialog, der Achtung des Völkerrechts und einer Politik, die in der Lage ist, das Leben der Völker über die Interessen zu stellen, die vom Krieg profitieren. Auch die Entwicklung neuer Technologien und künstlicher Intelligenz im militärischen Bereich erfordert eine strenge ethische Kontrolle, damit Entscheidungen über Leben und Tod niemals auf automatisierte Systeme abgewälzt oder der moralischen Verantwortung des Menschen entzogen werden (vgl. Ansprache an der Universität „La Sapienza“, 14. Mai 2026).

Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, den unschätzbaren Wert des Dialogs als geduldigen Weg zu gerechten und dauerhaften Vereinbarungen wiederzuentdecken, die auf der Einhaltung von Verträgen, der Transparenz diplomatischer Maßnahmen und dem aufrichtigen Willen beruhen, den Frieden der Anwendung von Gewalt vorzuziehen. Daraus entstehen Vertrauen und Hoffnung.“

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