„Sie ist erlöst“ – Anmerkungen zur aktuellen Situation

Dr. Maria Raphaela Hölscher

Frau G., 91 Jahre, noch rüstig und agil, erleidet einen Schlaganfall.

Die Angehörigen entscheiden, dass der Herzschrittmacher herausgenommen werden soll, Nahrung- und Flüssigkeitszufuhr seien nicht mehr notwendig.

Man verabschiedet sich –

nach drei Tagen die Nachricht: „Sie ist erlöst“.

Auf der Veranstaltung1. Salzburger Bioethik-Dialoge“ zum Thema „Modernes Sterben – Aufgaben und Grenzen der Medizin am Lebensende“ vom 9.-10.10.2020 berichtete Dr. Theo Boer, Groningen, von der Entwicklung in den Niederlanden. 1969 begann mit der Schrift des Psychiaters J.H.Van der Berg „Ärzte verursachen Leiden anstatt zu heilen und zu lindern“ die Euthanasiediskussion. Die 1972 erfolgte Gründung des niederländischen Vereins für freiwillige Sterbehilfe sowie verschiedene bahnbrechende Urteile in den1970-er Jahren, führten ab 1985 zu einer offiziell tolerierten Sterbehilfe, die 2002 in einem definierten Gesetz mündeten.

Was für ein Gegensatz zum Anliegen der Hospiz- und Palliativbewegung, deren Gründerin Cicely Saunders (1918-2005) immer wieder die unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen hervorhob. Jeder Mensch sei bis zum letzten Augenblick seines Lebens wichtig; es werde alles getan, damit er nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben könne. Sterben – an der Hand, nicht durch die Hand eines Menschen.

In seinem Vortrag beim „Salzburger Bioethik-Dialog“, führte Udo di Fabio aus, dass bei der Erarbeitung der neuen Verfassung im Nachkriegsdeutschland – von 1948 bis Mai 1949 – sehr genau der erste Satz nach der Präambel diskutiert und gewählt worden wäre. Nach den totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, nach dem Absturz der Deutschen in die Barbarei, sollte das naturrechtliche Fundament des Menschseins wieder deutlich gemacht werden.

Jede Gemeinschaft finde ihren normativen Kern im Schutz der Würde des Einzelnen, so di Fabio, sie sichere die Entfaltung der eigenen Person, die Fähigkeit zur Selbstbestimmung in einer sittlichen Ordnung. Das Deutsche Bundesverfassungsgericht hätte mit seinem Sterbehilfeurteil vom Februar 2020 Gelegenheit gehabt, hier ein konstruktiv anspruchsvolleres Würdeverständnis aus Art.1, Abs.1 des deutschen Grundgesetzes zu gewinnen, aber diese Gelegenheit habe das Bundesverfassungsgericht leider nicht genutzt.

Was sei mit einem Menschen, der noch keine Urteilskraft besitzt, dem Einsichtsfähigkeit in Folge seiner Entwicklung, seiner physischen oder psychischen Konstitution fehle oder der diese Fähigkeit bei Demenz oder im Koma einbüße, fragte di Fabio an. Der Gedanke der Euthanasie wäre nicht erst eine Idee des Nationalsozialismus gewesen, sondern sei in England, den USA und in Deutschland, in wissenschaftlichen Kreisen etwa der zwanziger Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts durchaus thematisiert worden. Der im deutsprachigen Raum anerkannte Strafrechtler Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche publizierten 1920 ihre Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“, worin sie sich lobend auf die Forderungen von Adolf Jost aus dem Jahr 1895 beriefen, der in Deutschland als Erster sowohl die Freigabe der Tötung auf Verlangen körperlich Kranker, als auch die Freigabe der Tötung sogenannter Geisteskranker verlangte.

Der entscheidende Punkt liege im Menschenbild, so di Fabio. Die christliche Wertevorstellung sei immer eine ambivalent verflochtene gewesen. Die Demut vor Gott und die Unzulänglichkeit des Menschen ständen gegenüber der Gottesebenbildlichkeit und der Freiheit des Menschen, sich zu entscheiden, sein Schicksal zu bestimmen.

Der Fortschritt der Medizin sei es, der zugleich die Frage dringender werden ließe, wie lange ein Leben mit medizinischer Technik und Medikation verlängert werden solle, wenn der Patient nicht mehr Herr seiner Entscheidungen sein könne.

Es bestehe die Furcht der älter werdenden Gesellschaft, in Zukunft keine menschenwürdigen Existenzbedingungen mehr vorzufinden, allenfalls in einer überforderten Altenpflege medizin- und sozialtechnisch verwaltet zu werden. Schließlich bleibe die Urangst des Menschen nicht allein vor dem Tod, sondern auch die Angst vor dem qualvollen Tod, vor dem Schmerz, dem Siechtum, dem körperlichen oder geistigen Verfall, der Einsamkeit, des gebrechlichen Lebensendes.

Der Vatikan bekräftigte in dem am 14.7.2020 erschienenen Schreiben  „Samaritanus bonus – Der barmherzige Samariter“, dass aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid weiter seitens der katholischen Kirche ethisch verboten bliebe. Solche Schritte würden die ethischen und rechtlichen Grenzen der Selbstbestimmung überschreiten.

Zugleich wendet sich die Glaubenskongregation gegen einen „unverhältnismäßigen und entmenschlichenden Einsatz von Technologien“, vor allem in den kritischen Phasen des Lebens und spricht sich für die Förderung der Palliativmedizin aus.

Benedikt XVI. bemerkte in einer Ansprache an die Teilnehmer an dem von der päpstlichen Lateranuniversität veranstalteten Kongress über das natürliche Sittengesetz am 12.2.2007, dass die derzeitige Ethik und Rechtsphilosophie, die Postulate des Rechtspositivismus weit verbreitet seien. Als Folge des Rechtspositivismus könne die Gesetzgebung häufig lediglich einen Kompromiss zwischen verschiedenen Interessen finden. Ausdrücklich verwies er auf die tiefe Verwurzelung jeder nationalen und internationalen Rechtsordnung im Naturrecht, in der in das Sein des Menschen selbst eingeschriebenen ethischen Botschaft.

Die Dringlichkeit und die Notwendigkeit werde sichtbar, über das Naturrecht nachzudenken und seine Wahrheit, die allen Menschen gemeinsam sei, wiederzuentdecken, so Benedikt XVI. Dieses Gesetz, auf das der Apostel Paulus hinweist (vgl. Röm 2,14–15), sei in das Herz des Menschen eingeschrieben und folglich auch heute nicht einfach unzugänglich.

Es gehe vor allem um die Achtung vor dem menschlichen Leben von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende. Dieses Gut des Lebens sei nicht verfügbares Eigentum des Menschen, sondern unentgeltliches Geschenk Gottes.

Das Recht könne nur dann eine wirksame Kraft des Friedens sein, wenn seine Grundlagen fest in dem vom Schöpfer gegebenen Naturrecht verankert seien, mahnte Benedikt XVI. Diese Rechte „von Natur her“ würden zugleich Völkerrecht über die Grenzen der einzelnen staatlichen Rechtsetzungen hinweg ermöglichen. Sie weisen Grenzen auf, die nicht überschritten werden können.  Benedikt XVI. bemerkt, dass es Gesetze geben könne, die obwohl Gesetz doch nicht „Recht“, sondern Unrecht seien.

Die Urteile der Höchstgerichte sind ein Dammbruch.

„Sie ist erlöst“ – die Grenzen sind fließend.

Die Beiträge der 1. Salzburger Bioethik-Dialoge – Modernes Sterben, Aufgaben und Grenzen der Medizin am Lebensende“ vom 9.-10.10.2020 werden im Frühjahr 2021 veröffentlicht. Über die JMG-Webseite sind sie erhältlich, ebenso weitere Reaktionen zum VfGH Urteil.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s