Soziale und ökologische Generationengerechtigkeit

Ein Gastbeitrag von Günter Danhel

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Kardinal Christoph Schönborn, Günter DanhelDer Begriff Generationengerechtigkeit umfasst die Wechselwirkungen des Handelns zwischen unterschiedlichen Generationen in einer Vielzahl von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Themen und Bereichen.

Gerechtigkeit ist ein grundlegendes Ordnungsprinzip der Gesellschaft. Sie besagt, dass jedem das Seine, d.h. jedem sein Recht zukommt, als Person anerkannt zu werden und ein menschenwürdiges Dasein zu führen.

Unter Generation im chronologischen bzw. temporalen Sinn wird die jeweils durch ihr aktuelles Alter und ihren Geburtsjahrgang bestimmte Gruppe gemeint. Nach dieser Definition leben stets mehrere Generationen gleichzeitig.

„Verbunden“ sind die unterschiedlichen Generationen durch den „Generationenvertrag“, worunter man im Pensions(versicherungs)recht einen fiktiven Solidar-Vertrag (1) zwischen jeweils zwei Generationen als theoretisch-institutionelle Grundlage einer im Umlageverfahren finanzierten dynamischen Pension (Rente) versteht und der Zurechnungsregeln enthält für die Verteilung des Arbeitseinkommens Erwerbstätiger mit der Absicht, die individuellen Konsummöglichkeiten angemessen auf die drei Lebensphasen, Erwerbsphase und Alter aufzuteilen (2). Leider ist es nie gelungen, den Generationenvertag zu einem umfassenden Drei-Generationen-Vertrag ‚auszubauen‘, der auch die Lebensphase Kindheit und Jugend angemessen berücksichtigt.

„Generationengerechtigkeit“ meint, dass jede Generation der nächsten mindest genau so viele Chancen und Handlungsspielräume hinterlassen sollte, wie sie selbst vorgefunden hat. (3)

Aus dieser Definition wird ersichtlich, dass das Prinzip der Generationengerechtigkeit auf viele Lebensbereiche Anwendung findet – man denke etwa an die Verschuldungsproblematik öffentlicher Haushalte.

Neben den „sozialen“ Aspekten von Generationengerechtigkeit tritt aber mit zunehmender Bedeutung der ökologische Aspekt, oft auch mit Nachhaltigkeit umschrieben.

Bereits im Jahr 1713, formulierte Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ das begriffsprägende Nachhaltigkeitsverständnis der Forstwirtschaft, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen konnte:

„Wird derhalben die größte Kunst/Wissenschaft/Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“ (4)

Ähnlich wie der Begriff der Generationengerechtigkeit kann auch der Begriff der Nachhaltigkeit auf viele Bereiche angewendet werden.

Angesichts des hierzulande wie global nach wie vor steigenden Energie- und Ressourcenverbrauchs und zunehmender Belastung des Öko-Systems stellt sich die Frage nach der zukünftigen Lebensbedingungen der Menschen in bisher nie da gewesener Brisanz.

Deswegen ist eine weitgehende Zustände- und Gesinnungsreform in ökologischer Hinsicht ebenso dringlich geboten wie hinsichtlich des Sozialsystems.

Es gibt eine Vielzahl von Aspekten, die für die ökologische Frage bedacht werden müssen, erwähnt sei hier nur allen voran der globale Klimawandel, denn er „ist bereits Realität. Die Menschen spüren seine Auswirkungen buchstäblich am eigenen Leib: Hitze und Dürre, Stürme und Starkniederschläge, Gletscherrückgang und Überschwemmungen, Ernteausfälle und Ausbreitung von Krankheiten. Der globale Klimawandel stellt die wohl umfassendste Gefährdung der Lebensgrundlagen der heutigen und in noch viel stärkerem Maße der kommenden Generationen sowie der außermenschlichen Natur dar.“ (5)

In Österreich stieg die Nutzung freier Flächen für Bau, Verkehr und Sonstiges von 2001 bis 2015 um 23,1% an (österreichische Bevölkerung +7,3%). Die Neuinanspruchnahme lag im Durchschnitt 2012–2015 bei 16,3 Hektar pro Tag.

Der inländische Materialverbrauch blieb in den vergangenen Jahren konstant, war aber 2015 mit rund 22 Tonnen pro Kopf dennoch hoch (EU-28: 13 t).

Der energetische Endverbrauch wuchs von 1995 bis 2015 um 29% (hingegen: EU-28 -2,0% bis 2014). Österreich wies einen des höchsten Pro-Kopfverbrauchs von Energie in Europa auf und lag damit 2014 im EU-Vergleich (EU-28) an 25. Stelle. (6)

Kaum eine Enzyklika hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten so viel positive Resonanz gefunden, wie „Laudato si“ von Papst Franziskus, enthält sie doch erstmals klare Aussagen darüber, wie wir uns heute verhalten müssen, damit es mit unserer Erde und den Menschen in Zukunft gut weitergehen kann. Dabei beschränkt sich Papst Franziskus nicht auf Aspekte des Umweltschutzes, sondern mahnt auch zu einem nachhaltigen Lebensstil, einer Umkehr vom wirtschaftlichen Wachstumsdenken sowie zu nötigen sozialen, politischen und ökonomischen Handlungsschritten.

Es ist zu wünschen, dass der Zusammenhang zwischen den sozialen und ökologischen Aspekten von Generationengerechtigkeit in der wissenschaftlichen Theologie wie in der kirchlichen Praxis stärkere Beachtung findet!

Die Katholische Soziallehre kann dazu wertvolle Beiträge leisten.

Anregung zur Selbsteinschätzung:

Ein Instrument zur Bestimmung des je eigenen ‚Fußabdrucks` und zur Entdeckung eigener Möglichkeiten zur Verringerung der ökologischen Übernutzung unseres Planeten bietet der ‚Fußabdruckrechner‘. Wie kein anderes Instrument erlaubt dieser, die abstrakten globalen Grenzen im persönlichen Bereich begreifbar zu machen. Innerhalb der „persönlichen Grenzen“ ergeben sich klare Handlungsanleitungen in Richtung zukunftsfähiger Lebensstile. Der ökologische Fußabdruck ist dabei ein Maß dafür, wieviel produktive Fläche der Erde gebraucht wird, um eine bestimmte Leistung oder Produktion aufrecht zu erhalten. Das betrifft nicht nur Nahrung, Bekleidung oder Holz, die allesamt Fläche zum Wachsen brauchen, sondern auch Straßen und Gebäude, die Flächen verstellen, und gilt auch für Abfälle und CO2, die Fläche brauchen, um wieder unschädlich gemacht zu werden. Der maximal zulässige ökologische Fußabdruck der Menschen darf die Kapazität der Erde auf Dauer nicht übersteigen.

Der ‚ökologische Fußabdruck‘, http://www.mein-fussabdruck.at/, www.footprint.at

Klimaforschungsnetzwerk Österreich, http://www.ccca.ac.at/de/ueber-ccca/

L i t e r a t u r h i n w e i s e :

  1. Wilfried Schreiber, „Vorschlag zur Sozialreform“: „Existenzsicherheit in der industriellen Gesellschaft“ (1955)

  2. Manfred Werding, „Zur Rekonstruktion des Generationenvertrages“ (1998)

  3. Max Wingen, „Familien und Familienpolitik zwischen Kontinuität und Wandel – 50 Jahre Bundesfamilienministerium“ (2003)

  4. Sächsische Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft (Hrsg.), „Die Erfindung der Nachhaltigkeit – Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz“ (2013)

  5. Wolfgang Ockenfels/Ursula Nothelle-Wildfeuer, „Gerechtigkeit auf Zukunft hin. Sozialethische Aspekte der Generationengerechtigkeit“, Die Neue Ordnung, 66 (2012)

  6. „Wie gehts Österreich?“: Hohe Lebenszufriedenheit trotz negativer Entwicklungen bei Einkommen und Konsum; Emissionsrückgänge aber hoher Ressourcenverbrauch http://www.statistik.at/web_de/presse/110418.html (07.11.2017)

  7. LAUDATO SI (Kommentar und Zusammenfassung), http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/online_exklusiv/details_html?k_beitrag=4503953 (11.8.2017)

Über den Autor: Günter Danhel wurde 1953 in Wien geboren. Zunächst tätig in zahlreichen innerkirchlichen (zB.: Katholische Jugend, Caritas, katholisches Familienwerk) wie außerkirchlichen (Vereinigung Österreichischer Industrieller) Stellen. Von 1996 bis 2013 Direktor des Instituts für Ehe und Familie, 2006 Verleihung des Berufstitel „Professor“.  2007 gründete er das Österreichische Familiennetzwerk. Zudem wurde Danhel vom damaligen Familienminister Mitterlehner das Goldene Ehrenzeichen der Republik verliehen.

 

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