Religion nur mehr in Reservaten?

Die Angst vor dem Islam hilft dem religionsfeindlichen Laizismus in Europa, sein altes Lieblingsprojekt voranzutreiben: die Verbannung religiöser Symbole, Werte und Identitätsbegründungen aus dem öffentlichen Raum. Säkularisierungsverlierer sind die Christen, deren Kult, Geistigkeit und Werte dem alten Europa – allen gottlosen Ideologien zum Trotz – noch in Mark und Bein steckt.

Von Stephan Baier

Religion sei politisch nicht mehr relevant. Davon waren die Eliten in Europa bis vor wenigen Jahrzehnten felsenfest überzeugt. Fortschritt wurde weithin mit Säkularisierung identifiziert, Religiosität mit Rückständigkeit. Weltpolitik bedurfte religiösen Wissens scheinbar nicht mehr, denn ein säkularisierter Westen stand einem atheistischen Ostblock gegenüber. Der Rest der Welt würde sich durch Entwicklung und Fortschritt immer mehr dem einen oder anderen religionsfreien System annähern, meinte man. Entsprechend groß war der Schock im Westen, als mit Ayatollah Khomeini eine schiitische Revolution den westlich orientierten Tyrannen Reza Schah Pahlavi im Iran hinwegfegte; ebenso groß war der Schock im Osten, als die Rosenkranzrevolution der polnischen Solidarnosc die Grundfesten der kommunistischen Welt erschütterte.

Heute ist erkennbar, dass die europäische Säkularisierungsthese immer schon ein perspektivischer Fehlschluss war: Europa ist – auch als Frucht seines christlichen Erbes – der einzige wirklich säkularisierte Kontinent; der Rest der Welt atmet oder hyperventiliert zutiefst religiös. Die Macht der Religion ist ungebrochen, ebenso aber auch die Instrumentalisierung der Religion durch die Macht. China, Indien, Russland und erst recht die islamisch geprägte Welt haben sich von westlichen Fortschrittsidealen und europäischen Säkularisierungsmodellen verabschiedet. In Indien hat Modi die Säkularität des Systems Gandhis über Bord geworfen und setzt auf eine gewaltsame Hinduisierung, in China betreibt Xi Jinping die „Sinisierung“ der fünf staatlich anerkannten Religionen, in Russland bedient sich Putin der Orthodoxie in der Tradition der Zaren, in der Türkei agiert „Sultan“ Erdogan wie ein Kalif – und in der arabischen Welt tobt ein Dreißigjähriger Krieg um die Deutungshoheit über den „wahren Islam“.

Ohne profunde Kenntnis der Religionen (und ihres Missbrauchs) ist Weltpolitik nicht zu verstehen. Entsprechend hilflos reagiert eine religiös unmusikalische politische Klasse im Westen auf die Fieberschübe im Islam. Durch Terror, Krieg und Gewalt ist der Islam – mehr als Phänomen denn als Religion – heute zum Angst-Faktor Nummer eins in Europa geworden. In einigen Ländern überbieten sich Regierungs- und Oppositionsparteien derzeit mit Ideen, wie der im säkularen Europa sichtbar und schmerzhaft spürbar gewordene Islam domestiziert werden könnte. Weil unsere Politiker einerseits Angst vor dem Islam und seiner explosiven Kraft haben, andererseits aber jeden Anschein von Diskriminierung und Ungleichbehandlung vermeiden möchten, geht die politische Klasse auf jede Form sichtbarer Religiosität los.

Spiegelverkehrt zu islamistischen Diktaturen wie Saudi-Arabien oder dem Iran debattiert halb Europa darüber, wie viel Stoff Frauen tragen dürfen: Burkini am Strand, Kopftuch im Dienst, Burka auf der Straße – das ist vielen ein Ärgernis. Aber legitimiert dies schon eine staatlich sanktionierte Kleiderordnung? Aus Sorge, der Islamophobie geziehen zu werden, nehmen die kreativen Laizisten „die Religion“ insgesamt ins Visier: Man möchte berechtigterweise muslimische Schülerinnen vor salafistischem Uniformierungsdruck schützen, verbietet aber religiöse Symbole für das Lehrpersonal, als sei das Goldkreuz am Hals einer Lehrerin gleichzusetzen mit dem Kopftuch. War christlich assoziierter Frauenschmuck bisher in den Augen der Säkularen bloß modisches Accessoire, so häufen sich seit Jahren die Repressionen gegen Frauen mit religiösen Symbolen am Arbeitsplatz. Laizistische Ideologen wollen religiöse Symbole umfassend aus der Öffentlichkeit verbannen – auch die Kreuze aus Schulen, Gerichtssälen und von den Bergesgipfeln.

Man möchte berechtigterweise verhindern, dass Muslime in Europa am Gängelband des türkischen Religionsamtes Diyanet oder saudischer Stiftungen gehen, verbietet aber pauschal die Finanzierung religiöser Organisationen und anerkannter Religionsgemeinschaften aus dem Ausland, obwohl die christlichen Kirchen in fast allen islamischen Ländern ohne die Hilfe des Heiligen Stuhls und internationaler katholischer Hilfswerke nicht überleben könnten. Was geschähe etwa mit den letzten verbliebenen Christen in der Türkei, sollte Erdogan die Neuerungen des österreichischen Islamgesetzes analog auf die aus sich heraus nicht lebensfähigen Kirchen in seinem Reich anwenden?

Man möchte aus gutem Grund wissen, was in den Hinterhof-Moscheen Europas gepredigt und gehetzt wird, weshalb immer vehementer gefordert wird, mit gesetzlicher Strafsanktion Predigten in der Landessprache zu erzwingen. Solche Gesetze träfen aber nicht nur salafistische Prediger arabischer Muttersprache oder Staats-Imame aus der Türkei, sondern ebenso die vitalen kroatischen, polnischen und italienischen Kirchengemeinden, die das Kirchenleben in deutschen und österreichischen Großstädten bereichern. Allein in Wien finden sonntags Heilige Messen in 25 verschiedenen Sprachen statt, darunter in Farsi und – dank der chaldäischen, maronitischen und melkitischen Katholiken – auf Arabisch. Unbestritten gehört Spracherwerb zur gelingenden Integration, aber wenn Politiker den Sprachgebrauch in den Pausen auf dem Schulhof oder am Arbeitsplatz gesetzlich regeln wollen, verhindern sie nicht die Bildung von Parallelgesellschaften, sondern treiben diese nur in den Untergrund.

Bereits vor Jahren war in Verfassungsschutzberichten zu lesen, viele Muslime würden das religiöse über das staatliche Gesetz stellen – als gälte nicht auch für Christen, dass Gott mehr zu gehorchen ist als den Menschen (Apg 5,29). Der säkulare Staat muss akzeptieren, dass er kein Recht auf eine säkulare Gesellschaft hat. Aus Angst vor der Fremdheit des Islam einen europäischen Staatsislam zu erzwingen, ist ein rechtsstaatlich fragwürdiges wie gesellschaftspolitisch riskantes Unterfangen. Aus Angst vor dem Vorwurf der Islamophobie und der Diskriminierung alle Religionsgemeinschaften an die kurze Leine des Staates zu nehmen, wäre das Ende der Religionsfreiheit – und damit der Rechtsstaatlichkeit. Das mag jenen Laizisten zupass kommen, die im Gottesglauben an sich jenen Sprengstoff sehen, der ihren modernen Turmbau zu Babel zu Fall bringen könnte, weil sie längst ihren eigenen Kanon an Werten, Dogmen und Geboten haben. Es wäre jedoch das Ende dessen, was wir unter Europa verstehen. Ohne die gesellschaftliche Hörbarkeit und öffentliche Sichtbarkeit des Gottesglaubens ist europäische Identität nämlich undenkbar.

 

Von Stephan Baier erschien zuletzt: „Die Seele Europas. Von Sinn und Sendung des Abendlands“, Kißlegg 2017, FE-Medienverlag, ISBN 978-3-86357-194-8.

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