Das Naturrecht: eine Antwort auf die Gefahren des Totalitarismus

Dr. Marie Cabaud Meaney

Das Böse tritt in einem totalitären Staat als Pflicht auf, anstatt wie in der Vergangenheit als Versuchung, wie Hannah Arendt so treffend formuliert. Die meisten Menschen folgen dem Zeitgeist, so dass sich, wie diese Philosophin in Eichmann in Jerusalem schreibt, „unter den Umständen des Dritten Reiches nur ‚Ausnahmen‘ noch so etwas wie ein ‚normales Empfinden‘ bewahrt hatten“. Denn es hätte heroischen Mutes und großer Klarsicht bedurft, um das Gefühl für Richtig und Falsch zu bewahren. Dass das Naturgesetz eine Richtungslinie – trotz der von den Ideologien gestifteten Verwirrung – bieten könnte, akzeptiert sie hingegen nicht. Weil ein solch unwandelbares Gesetz von vielen nicht angenommen wird, reicht für sie aus dieses als irrelevant zur Seite zu schieben. Dabei bleibt ihre Kritik am Naturrecht oberflächlich: sie unterschätzt völlig seine Bedeutung in der Geschichte der Philosophie und verwechselt es außerdem mit Naturgesetzen (wie der Schwerkraft), die etwas ganz anderes sind. Letztere, wie bekannt, sind weder ewig, sondern nahmen ihren Anfang mit dem Kosmos, noch unveränderlich; denn Wunder können die Naturgesetze außer Kraft setzen, während nicht einmal Gott das inhärent Böse in etwas Gutes verwandeln könnte. Diesen blinden Fleck Arendts besitzt ihre französische Zeitgenossin, Simone Weil, nicht. 

Zwar sträubte sich Simone Weil gegen den Terminus „Naturrecht“, hält an ihm aber unter einem anderen Namen, nämlich dem absoluten, übernatürlichen (welches trotzdem jedem zugänglich ist, Atheisten und Gläubigen zugleich) Moralgesetz fest. Allerdings wollen Menschen sich jedoch seinen Anforderungen entziehen und leugnen deswegen seine Existenz. Die Konsequenzen dieser grundsätzlichen Verneinung sind dramatisch und vielgefächert. Dem Menschen die Grundorientierung zu nehmen zwischen dem Guten und dem Bösen zu unterscheiden, führt nicht nur zum Nihilismus, sondern sogar, wie sie schreibt, zum Wahnsinn, und zwar im strikten Sinne. Es gibt keinen Grund mehr etwas zu tun oder nicht (heutzutage nennt man Menschen, die keinen Sensus für Gut und Böse haben und der Empathie nicht fähig sind, Soziopathen). Man wird zum Spielball seiner Emotionen, versucht diese Leere zum Beispiel mit dem Lustprinzip auszufüllen, was nach anfänglicher Stimulation nur zu frustrierter Langeweile führt. Die wilden 20er Jahre wie auch der Dadaismus veranschaulichen diese Irrwege. Eine Alternative, mit dieser Sinnleere umzugehen, besteht in der Suche nach einem Idol, das sich in der Moderne und Postmoderne gerne in der Form einer Ideologie anbietet. Die Verneinung des Naturrechtes allein erklärt dieses Symptom noch nicht, aber sie ist ein Symptom des Atheismus, der eine geistige Leere zurücklässt, welche man mit einem Pseudo-Absolutem, d.h. dem Götzen einer Utopie, zu füllen sucht. Da diese Wahl idealistische Züge trägt und große Opfer abverlangt, erkennt man nicht den Horror des Mordens. Die Ideologie, welche zum Beispiel der Rasse, dem Proletariat, oder der Geschichte absolute Priorität zuweist, fordert dies. Das Naturrecht, das sonst als Kompass fungiert, kann dem keinen Einhalt mehr gebieten. Denn das Gewissen ist verblendet und stumpf geworden. Obwohl Ideologien ihre eigenen pseudo-moralischen Prinzipien besitzen, so sind sie letztendlich relativistisch, denn sie akzeptieren eben nicht das ewig wahre Naturgesetz. Dies wird durch Claudia Koonz bestätigt, wenn sie in ihrem Buch The Nazi Conscience über den Sozialnationalismus schreibt: „Anders als die Moralphilosophen des frühen 20. Jahrhunderts, die im kulturellen Relativismus ein Argument für Toleranz sahen, kamen die Nazi-Theoretiker zu einem ganz anderen Schluss. In der Annahme, kulturelle Vielfalt sei der Nährboden für Feindseligkeit, machten sie die Überlegenheit ihrer eigenen Gesellschaftswerte für alle anderen geltend.“

Nach dem Krieg (den Weil nicht überlebte) kam es zwar zuerst zu einer Wende, weg vom Rechtspositivismus, hin zum Naturrecht und zu einer Erklärung der Menschenrechte, damit so etwas „nie wieder“ passieren würde. Doch dann brachten die 60er Jahre die sexuelle Revolution. Das Lustprinzip selbst wurde zu einer Ideologie und wurde mit dem kulturellen Marxismus verknüpft. Die Konsequenzen waren und sind katastrophal: die Tötung von 1,7 Milliarden ungeborener Kinder weltweit innerhalb von 40 Jahren; die Zerstörung der Ehe mit allem, was an Schrecklichem für die Beteiligten, vor allem die Kinder, bedeutet; die Sexualisierung der Gesellschaft etc. Darin sieht man das wahre Gesicht solcher Ideologien, welche sich fälschlicherweise als besonders mitfühlend darstellen oder behaupten, sie würden die Rechte der Frauen verteidigen, während sie ihnen unendlich viel Leid zufügen. Aber diese Verblendung bedarf einer Antwort, welche weit über das Naturrecht hinausgeht, auch wenn sie dieses voraussetzt, und von spiritueller Natur ist, nämlich einer Bekehrung. Deswegen könnte die Wiederbelebung des Naturrechts wahrscheinlich nur durch eine geistige Erneuerung verwirklicht werden.

 

 

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