Grundpositionen philosophischer Ethik. Von Aristoteles bis Jürgen Habermas – Rezension

von HS-Prof. Dr. Josef Spindelböck

Rezension des Werkes:

Hanns-Gregor Nissing / Jörn Müller (Hrsg.), Grundpositionen philosophischer Ethik. Von Aristoteles bis Jürgen Habermas, wbg Academic, Darmstadt 20182, ISBN 978-3534271153, EUR 24,95

In der zweiten, aktualisierten Auflage liegt hier ein Werk vor, das in die Grundpositionen philosophischer Ethik einführen will. Insgesamt sieben fachlich ausgewiesene Autoren stellen anhand biographischer Entwürfe großer Denker und ihrer Konzeptionen gleichsam Grundtypen ethischer Reflexion vor, die je auf ihre Weise in der Geschichte wirksam geworden sind und ihre argumentative Kraft mitunter erst durch den qualifizierten Widerspruch anderer voll entfalten können. Wie die Herausgeber Hanns-Gregor Nissing und Jörn Müller in ihrer Einführung (7-22) hervorheben, geht es darum, „Theorien der Praxis“ in historischer und in systematisch-kriteriologischer Perspektive zur Darstellung zu bringen und sich zugleich der Grenzen ethischer Typologien bewusst zu bleiben. Die Einzeldarstellungen folgen einem Schema, in welchem zuerst das Leben und die Schriften des betreffenden Autors vorgestellt werden, dann geht es um die Grundbegriffe des ethischen Entwurfes und die spezifische Argumentationsstruktur, außerdem um die Relevanz in Wirkungsgeschichte und Rezeption und schließlich um die Angaben wichtiger Quelltexte und Sekundärliteratur. Welches sind nun die einzelnen Beiträge?

Jörn Müller widmet sich unter dem Titel „Glück als Vollendung menschlicher Natur“ einer Darstellung der eudaimonistischen Tugendethik des Aristoteles (23-52). Tatsächlich erweist sich das „Glück“ als Grundprinzip dieser Ethik, wobei stets die Vielschichtigkeit des „eudaimonia“-Begriffs zu beachten ist, welche sich einer einseitigen Vereinnahmung widersetzt. Es geht um das Gelingen des Lebens im Ganzen, um ein in höchstem Maß vollkommenes Gut, welches die dauerhafte Aktualisierung sowohl der intellektuellen als auch der strebensmäßigen Fähigkeiten des Menschen in einem theoretischen und praktischen Leben mit einschließt und insofern auf die intellektuellen und ethischen Tugenden bezogen ist. Die Tugend erweist sich als die rechte Mitte gemäß dem Urteil der Vernunft und setzt als Habitus die Person in die Lage, sittlich gut zu handeln und dabei eine gewisse Leichtigkeit und Freude zu erfahren. Ein normatives Konzept der menschlichen Natur verbindet sich mit den beiden Strukturprinzipien Glück und Tugend, sodass die aristotelische Ethikkonzeption mit einem zugleich fordernden wie auch beglückenden Anspruch auftritt, welcher in der Wirkungsgeschichte sowohl partikularistische als auch universalistische Anknüpfungen gefunden hat.

Hanns-Gregor Nissing beleuchtet in seinem Beitrag „Der Mensch auf dem Heimweg zu Gott“ den christlichen Eudaimonismus bei Thomas von Aquin (53-82). Dieser knüpft in seiner philosophischen Ethik bei Aristoteles an und führt dessen Konzeption von Glückseligkeit in seiner „beatitudo“-Lehre entscheidend weiter: Die Erfüllung und Vollendung des Lebens beziehen die natürlichen Kräfte des Menschen wesentlich mit ein, ist aber letztlich ein Geschenk Gottes. Die Seligkeit der unsterblichen Seele in der Gottesschau nach dem Tod ist von der biblischen Verheißung her verbunden mit der Auferstehung des Leibes und damit als Vollendung des ganzen Menschen zu konzipieren. Das klassische tugendethische Konzept wird weiter systematisiert, wobei im Anschluss an die biblische Botschaft den göttlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe ein eminenter Rang zugewiesen wird. Ergänzt werden die Ausführungen des hl. Thomas über Tugenden und Laster durch den unersätzlichen Stellenwert des Gewissens, welches die Wahrheit des Guten im sittlichen Gesetz erkennt und auf konkrete Situationen und Einzelakte anwendet.

Jörg Splett untersucht in seinen Ausführungen unter dem Titel „Gesetz der Freiheit“ die Pflichtethik Immanuel Kants (83-104). Der „Kategorische Imperativ“ bringt die Befähigung des Menschen zu sittlich verantwortlicher Inanspruchnahme seiner Freiheit zum Ausdruck und setzt diese voraus. Autonomie bedeutet zwar Selbstgesetzgebung der praktischen Vernunft, doch darf sie nicht mit Willkür und Ungebundenheit gleichgesetzt werden. Die Würde des Menschen als Zweck in sich ist mit seiner Charakteristik als Gewissenswesen zuinnerst verbunden. Der Gottesbezug verliert bei Kant seine starke metaphysische Begründung, wird aber als Postulat der praktischen Vernunft aufrecht erhalten.

Maximilian Forschner befasst sich mit dem noblen Utilitarismus des John Stuart Mill („Das Prinzip des größten Glücks“, 105-122). Dieser weiß sich zwar dem Empirismus und Hedonismus im Sinne Epikurs verpflichtet. Im Unterschied zu Jeremy Bentham vertritt er jedoch einen qualitativen Ansatz in der Bewertung von Lust und Unlust, der keineswegs egoistisch zu verstehen ist, sondern einen grundlegend altruistischen Charakter besitzt. Freilich können in der Konsequenz dieses Systems die Würde der Einzelperson und ihre Rechte und Pflichten nicht ausreichend Berücksichtigung finden. Die Gefahr, das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl auch unter Missachtung der Grundrechte bestimmter Personen erreichen zu wollen, zeigt sich, wenn nicht bei Mill, so doch bei zahlreichen Epigonen bis in die Gegenwart.

Berthold Wald widmet sich der materialen Wertethik Max Schelers („Güter und Werte“, 123-144). Scheler anerkennt den „formalen“ Beitrag Kants für die Ethik, will aber die sittlichen Werte in ihrer inhaltlichen, „materialen“ Dimension zur Geltung bringen. Dinge und Güter sind dabei von Werten zu unterscheiden. Erst in Gütern würden Werte wirklich. Im Hinblick auf die Werterkenntnis vertritt Scheler einen „Apriorismus des Emotionalen“, wobei hier das Fühlen, das Vorziehen und Nachsetzen sowie das Lieben und Hassen maßgeblich sind. In der Rangordnung der sittlichen Werte bezieht er sich auf den „ordo amoris“. Insofern jedoch in dieser Form der Wertethik ein stark intuitionistischer Zug vorherrsche, lasse sie sich schwer mit Formen des argumentativen Diskurses verbinden und stehe ihrer eigenen Rezeption gleichsam selbst im Wege.

Markus Stepanians untersucht die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls („Gerechtigkeit als Fairness, 145-166), der als einer der bedeutendsten politischen Philosophen des 20. Jh. gilt. Seine Gerechtigkeitstheorie versteht sich als Gegengewicht zum Utilitarismus und möchte, ausgehend von idealen Bedingungen eines fiktiven Urzustandes unter dem „Schleier der Unwissenheit“, die für jede Person nötigen „Grundgüter“ auf möglichst faire Weise sichern. Dazu zählen Rechte, Freiheiten und Chancen sowie Einkommen und Vermögen. Als Gerechtigkeitsprinzipien werden das Freiheitsprinzip und das Prinzip gerechtfertigter Ungleichheiten herausgestellt.

Petra Kolmer analysiert die Diskursethik von Jürgen Habermas („Kommunikatives Handeln“, 167-190). Kommunikative Rationalität setze eine prinzipielle Gleichheit der Diskurspartner voraus und ihre Bereitschaft, eigene Ansprüche zu begründen und den je besseren Argumenten zu folgen. Recht und Moral seien aufeinander angewiesen. Im Medium einer aufgeklärten, nachmetaphysischen Philosophie gehe es um eine kritische Gesellschaftstheorie. Wichtige Ressourcen der Sinnstiftung, etwa auch in der jüdisch-christlichen Religion, müssten Beachtung finden. Inwieweit ihre Gehalte auf säkulare Weise ersetzt werden können, bleibt fraglich; eher werden sie vermisst und wirken selbst im Modus ihrer Abwesenheit noch nach.

Ein Sachregister schließt die überaus instruktiven Einführungen in ethische Grundpositionen und ihre Vertreter ab. Zu bedauern ist allenfalls, dass trotz der Aktualisierung der Auflage die seit dem ersten Erscheinen des Buches vorgelegten Quelleneditionen und neuere Literatur nicht berücksichtigt wurden. Dies stellt aber das bleibende Verdienst dieser Darstellung nicht in Frage.

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