„Arbeit“ und „Solidarität“ im Kontext „sozialer Gerechtigkeit“

Univ.-Prof. Dr. Werner Drobesch, Klagenfurt

Als 1980 das „Katholische Soziallexikon“ in zweiter Auflage erschien, rechtfertigten dessen Herausgeber vor dem Hintergrund eines in Gang befindlichen tiefgreifenden geistigen Paradigmenwechsels die Erweiterung mit dem „neuen Gefragtsein“ der „Katholischen Soziallehre“. Aus ihrer Perspektive galt als „gefragt“ die Erwartung, dass in Zeiten des herannahenden neoliberalen Wirbelsturms („Reagonomics“; „Thatcherism“) eine Soziallehre „ideologisch nicht verkürzt“, „wertorientiert“, „sachgerecht“ und „geschichtsbewusst“ sein müsse.

Damit waren jene Prinzipien benannt, die Johannes Messner, in der historiographischen Literatur als bedeutendster Sozialethiker des österreichischen Katholizismus im „kurzen“ 20. Jahrhundert bezeichnet, in seinem Denken die Richtung gaben. Unbestreitbar rang der „Doyen der modernen Naturrechtslehre“ von seiner Münchner Habilitationsschrift (1927) bis zu seinem Opus magnum über das „Naturrecht“ (1950) um das Verhältnis zwischen Sozialökonomik und Sozialethik im Transformationsprozess von der Agrar- zur Industriegesellschaft, von der Bedarfsdeckungsökonomie (mit weitgehender Selbstversorgung) zur gewinnorientierten Marktwirtschaft. Im Kontext seiner Kritik an den „kapitalistischen Zuständen“, die mit dem christlichen Menschenbild und den Grundnormen der „Gerechtigkeit“ nicht kompatibel wären, wie auch am Sozialismus profilierte er sich als Vertreter der „Wiener Schule der christlichen Gesellschaftslehre“ in der Tradition Franz Martin Schindlers als Kämpfer für den Gedanken der „sozialen Gerechtigkeit“.

Seine Kritik am Individualismus/ Liberalismus sowie am Kollektivismus/ Sozialismus als gesellschaftlich tiefenwirksamen Ideologien des „langen“ 19. Jahrhunderts stellt sich mehr als bloß eine Kritik an einer Welt ohne Transzendenz und ohne Gott dar. Weil diese nicht imstande waren, eine zufriedenstellende Antwort auf die virulente „soziale Frage“ zu geben, entwickelte er aus dem Naturrecht „Rechtsprinzipien“ und „Grundordnungen“ als Orientierungspunkte für die „Sittlichkeit“, die als Summe das universalistische Grundkonzept eines „sozialen Realismus“ bilden. Im Hinblick auf die Arbeitenden habe die von ihm entworfene Gesellschaftsordnung „menschenwürdig“, „gerecht“ und „solidarisch“ gestaltet zu sein, was den Einzelnen nicht entbindet, für die Beschaffung seines Lebensunterhalts selbst zu sorgen. Wie dies die Pflicht des Individuums der Allgemeinheit gegenüber sei, so habe der Einzelne ein Recht „zur“ Arbeit, aber keines „auf“ Arbeit in dem Sinne, dass der Staat als Garant für eine bezahlte Tätigkeit für jeden Bürger bzw. jede Bürgerin auftrete. Ein derartiges Anrecht könne es in einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht geben. Denn ein solches setze voraus, dass der Staat alle Produktionsmittel besitze und zudem auch noch das Recht, die Arbeitsplätze zu vergeben, hätte. Beides sei nur in einer zentralen Verwaltungswirtschaft möglich. Diese sei als Ordnungsform einer modernen Volkswirtschaft abzulehnen, was jedoch die „Volkswohlfahrt als den Sozialzweck der Volkswirtschaft“ nicht ausschließt. Nur dürfe sich diese nicht zu einer sog. „Wohlfahrtsdiktatur“ entwickeln. In nuce geht Messner ihm um jenes „Gemeinwohl“, für dessen Erreichen in einer „wahren Demokratie der Arbeit und Arbeitenden“ der Solidaritätspflicht eine zentrale Aufgabe zufällt. Aus dieser ergebe sich das Faktum „des unausweichlichen Verbundenseins aller in der Arbeit füreinander und miteinander“ und eo ipso als ethisches Postulat „die Mitverantwortung und Mitbestimmung als die dieser Situation entsprechende Form des Anteils (der Arbeiter) am Wirtschaftsraum“.

Wie auch immer die Bewertung von Messners Positionen ausfallen mag, unter dem Strich sind seine sozialtheoretischen Anstrengungen heute relevanter denn je. Antizipativ brachten es die Herausgeber seiner 2003 edierten „Frühschriften“ auf den Punkt, wenn sie zu seinem Œuvre festhalten: „Dieses universale Bewusstsein, das auch das weltweite Interesse an den Schriften Messners belegt, ist […] notwendig, weil die Menschen und Völker im Zeichen der Globalisierung zusammenwachsen und damit auch die Frage nach den Fundamenten der sozialen Ordnung immer stärker wird.“

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