Die Kraft der Vernunft im Wandel der Werte:

Johannes Messner, das Naturrecht und die Existenz

Von Univ-Prof. DDr. Rudolf Weiler

Die Frage, ob ein Menschenleben gelingt, lässt sich bei allem Wandel der Zeiten nicht vom Menschsein loslösen. Johannes Messner hat den Menschen immer als Kulturwesen gesehen und daher den Zugang zur Ethik über die Sitten gesucht. Er begann nicht mit einer Wesensschau, möglichst analytisch wollte er vorgehen. Existenzanalyse nannte er seinen Weg zum Seinsgrund des Menschen. Die „existenziellen Zwecke“ sind Messners „Existenz-Formel“ des Menschen geworden. In diesen „Wirkweisen des Menschen“ zeigt sich die nach allgemein gültigen Werten strebende Vernunft. Das „Naturgesetz“ des Menschen ist nach Messner also nichts anderes als „das Wertstreben des Menschen, verbunden mit dem Wissen um verpflichtende Grundwerte.“

Sprach er zuerst noch von „Wesenszwecken“, so wählte er dann den Terminus „existenzielle Zwecke“. Dieses Wissen des Menschen war an der Wirklichkeit auszurichten, seinszugewandt, zugleich konkret und schöpferisch. Messner wollte näher an die empirischen Naturwissenschaften heran und doch die Wertsicht nicht verlieren. Im Zugehen auf die in den Dingen wirkenden Kräfte sollte der Mensch als schöpferisches Wesen die sittliche Ordnung erfahren.

Das „Naturrecht“ – ein Hauptwerk

Das „Naturrecht“ gilt als sein Hauptwerk, seine soziale Summe, an der er lange, in immer wieder erweiterten Auflagen gefeilt hat. Seine Kulturethik (1954) enthält aber im ersten Hauptteil des großen Werks seine Fundamentalethik (Prinzipienethik) und die ethische Erkenntnistheorie. Die Konstanten des Menschseins und der Naturordnung im Sittengesetz bzw. Naturrecht erwachsen nach ihm in der Auseinandersetzung mit den Kulturen als Lebensform des Menschen im Kontext der Zeiten und Räume.        

Dabei ist die menschliche Vernunft nie nur auf reine Tatsachenerkenntnis beschränkt. Sie ist offen auf Werterkenntnis und also auf Seinserkenntnis der Sitten. Die so verstandene autonome menschliche Vernunft verliert an sich nie die ihr vorgegebenen Ziele aus dem Auge. Die Freiheit ist durch diese Vernunftordnung nicht aufgehoben, weil sie in Wertbindung steht.

1960 war es auch in katholischen Kreisen zum Zweifel zumindest an der Erkennbarkeit des Naturrechts gekommen. Eine Lehrtradition schien sich in scholastischer Tradierung von Formeln zu erschöpfen. Man suchte gleichsam nach Sozialkritik mit „Biss“ und hielt Ausschau nach Erklärungshilfen, wenn sie nur auf die Überholspur führten.

Das menschliche Naturgesetz als die Hoffnung des Westens, sein Niederschlag in den Menschenrechten habe sich immer noch gegen die Macht des ideologischen und politischen Dirigismus, wie Messner schrieb, durchsetzen können. Sein Nachsatz gilt aber ebenso. „Die Hoffnung des Westens  dürfte sich aber kaum erfüllen, wenn er sich nicht besinnt auf die Verantwortung für seine große naturrechtliche Tradition und auf die daraus erwachsenden erhöhten Verpflichtungen gegenüber den Rechtssätzen und Rechtswerten, die sich ihm zuerst unter allen Völkern erschlossen haben.“ Für Messner stand Europas Aufgabe für die Rechtskultur der Welt fest, seinen Beitrag „zur Erkenntnis der Prinzipien der Menschenrechte, der Sozialrechte und des Völkerrechts.“

Ein christliches Europa, seine „Verchristlichung in den Verhältnissen der Welt, Gesellschaft und Kultur“, war Messner schon in jungen Jahren ein besonderes Anliegen. In der Artikelreihe „Der Weg des Katholizismus im XX. Jahrhundert“ in der Zeitschrift „Neues Reich“, die er in den zwanziger Jahren redigierte, bemerkte er: Europa müsse sich bekehren, christlich sein, oder es würde überhaupt nicht sein.

Verchristlichung schloss für Messner damals schon die gleichzeitige Anerkennung der „Eigengesetzlichkeit der profanen Kulturgebiete“ ein. Nach ihm stehen diese in ihrem natürlichen Wertbezug nicht den christlichen Gedanken entgegen. Bei den Auseinandersetzungen in diesseitigen Angelegenheiten komme es „viel weniger auf den Appell an religiöse Ideen an, als auf den Appell an das sittliche Gewissen“ und auf „sachliche Gründe“. Nicht die Normen kommen bei ihm zuerst, sondern die Sacheinsicht in Verbindung mit der natura humana, die sich in ihren Wirkweisen im sittlichen Leben ausweist: „Naturrecht ist Existenzordnung“.

Messner – Wissenschaftler und Persönlichkeit

Messner verband Sozialethik und Empirie in meisterhafter Weise miteinander. Er konnte sich als Schüler Max Webers aus seiner Münchner Zeit ausweisen, war promovierter Nationalökonom und vermochte den Überblick über die rasante Entwicklung der Sozialwissenschaften bis ins hohe Alter zu bewahren.

Eine Sozialethik „von unten“, aus der Empirie, zu pflegen, dies ging Messner durch sein Exil in England während des Zweiten Weltkrieges auf. In seiner aktiven Zeit nach dem Krieg konnte er das Jahr zwischen Forschung und Lehre, zwischen Aufenthalten in England und Wien, teilen.

Sein Sozialrealismus war im Umgang mit den Menschen von großer Güte und von Seeleneifer begleitet. Viele fanden bei ihm Hilfe und seelische Erbauung. Beachtlich waren seine vornehme Weise, wenn er einer Meinung nicht zustimmen konnte; die feine Klinge seiner Buchbesprechungen, die Art, wie er seine Einwände anbrachte, zum Beispiel, als sich Autoren bei der Diskussion um „Fundamentalmoral“ und „Transzendentalphilosophie“ auf ihn beriefen, ohne ihn, wie er meinte, verstanden zu haben.

Ein Wort ist dem Autor von Messner in Erinnerung: „Ich würde heute manches anders sagen, aber ich habe nichts von meiner Auffassung zurücknehmen müssen.“ Hier ist an den unbedachten und falschen Vorwurf zu erinnern, Messner sei ein Ideologe des Ständestaates von 1934 gewesen. Ein wesentlicher Ansatz zur Lösung der sozialen Frage lag für ihn sicher in der Idee der berufsständischen Ordnung. Eine Ideenlinie von damals führt doch zur Entwicklung der Sozialpartnerschaft in der österreichischen Gesellschaft. Messner vertrat mit seinen Ideen damals die demokratische korporativistische Gegenthese zum (italienischen) Faschismus.

Am 12. Februar 1984 ist Johannes Messner im Alter von fast 93 Jahren in Wien gestorben. Seine priesterlich-aszetische Lebenseinstellung gab ihm die Kraft zu seiner Forschungstätigkeit.

Auch als geistlicher Schriftsteller hat er ein beachtliches Opus hinterlassen. Für ihn war Heiligkeit die „höchste Existenzform der menschlichen Person“. Wer ihn kannte, bezeugt gerne, dass er dies auch exemplarisch in seinem Leben angestrebt und gezeigt hat.

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