Johannes Messner als Professor an der Universität Wien (1950 – 1965)

Prof. em. Dr. Rudolf Messner, Kassel

Der Hörerkreis Messners an der Universität Wien bestand vorwiegend aus Seminaristen, die im Rahmen ihrer theologischen Studien Pflichtveranstaltungen aus christlicher Soziallehre zu besuchen hatten. Zu dieser überwiegend männlichen Population kamen Studierende aus anderen Bereichen. Die Vorlesungen waren überfüllt, meist mit mehr als hundert Studenten. Messner vermittelte als akademischer Lehrer, das Bild eines vergeistigten Gelehrten, der entschieden darauf drängte, ethische Grundfragen mit wissenschaftlichem Realismus, immer aber eingedenk ihrer existentiellen Dimension anzugehen. Er verstand es, seinen Zuhörern und Zuhörerinnen und die gesellschaftliche Aktualität ethischer Ordnungsprinzipien zu verdeutlichen. Er besaß große Ausstrahlung. In seinem Habitus war Johannes Messner durch seine Jahre in England, in denen er auch britischer Staatsbürger geworden war, unverkennbar geprägt, sodass er von studentischer Seite, den liebevoll-ehrerbietig gemeinten Beinamen „John“ erhielt. Doch lassen wir Studierende selbst zu Wort kommen.

Msgr. Dr. Gerhard Schultes[1]: „Im Wintersemester 1954/55 begann ich an der Wiener Universität mein Theologiestudium… Messner  hielt seine Vorlesungen und sein Seminar jeweils im Wintersemester. Sehr bald verfestigte sich in mir die Überzeugung, dass Messner nicht nur ein Wissenschaftler von überragendem Format war, sondern auch von einer tiefen Spiritualität erfüllt war. Oft waren es die Fragen der Hörer, die ihn vom Stoff der Vorlesung wegführten und ihn zu einem persönlichen Bekenntnis bewegten. So stellte ich einmal im Zusammenhang mit der Ehelosigkeit die Frage, ob diese nicht widernatürlich sei, wenn man die Anlagen des Menschen betrachtet. Er bejahte zunächst mein Vorbringen, dann aber sprach er geradezu mit Inbrunst von der Liebe, die dem Menschen die Kraft zum Verzicht gibt und auch ein solches Leben bereichert…  Eines von Messners Seminaren hatte ‚Wirtschaftsordnung‘ zum Thema. Er vergab keine umfangreichen Seminararbeiten, sondern einzelne Themen, für die man sich melden konnte. Ich übernahm den Part ‚sozialdemokratische Wirtschaftsordnung‘, las Otto Bauers ‚Der Weg zum Sozialismus‘, Schumpeters ‚Das sozialistische Parteiprogramm‘ u.a. Die Diskussionen im Seminar, das gut besucht war, gestalteten sich themenorientiert und sehr lebhaft. Messner begnügte sich eher mit der Rolle eines interessierten und manchmal auch amüsierten Zuhörers, stellte aber auch präzise Fragen und gab pointierte Stellungnahmen ab, wo ihm dies wichtig schien. Dabei – wie auch in den Vorlesungen – wurde seine Abneigung gegen jede Art von Sozialromantik spürbar… Wer von Wirtschaft nichts verstehe, solle auch keine Theorien über deren Gestaltung entwickeln … Wir verfolgten nicht nur, dass Messner zur Zeit unseres Studiums bedeutende Werke auf den Markt brachte, wir haben sie auch mit Interesse gelesen. Die Prüfungen waren eher schwierig …, doch verließ ihn dabei seine Güte mit uns nicht. Sein Lachen – oder war es mehr ein Lächeln? – kam von innen her, es bereicherte den, der es erleben durfte“.

Messner hat im Unterschied zu den meisten sonstigen Veranstaltungen, die wirkliche Vor-LESUNGEN waren, stets frei vorgetragen[2]. Er schöpfte dabei aus dem Fundus seiner Bücher. Es muss eindrucksvoll gewesen sein, bei einem Professor zu hören, der so frei über seinen gewaltigen Stoff verfügen konnte. Der Stil seiner Vorlesungen hätte sich im Laufe der Zeit geändert. Anfangs lehrte er strenger und schulmäßiger, rief manchmal einzelne Studenten namentlich auf und fragte sie: „Was denken Sie darüber?“ „Haben Sie das verstanden?“ – worauf, so wird erzählt – Messner konnte ja nicht jeden einzelnen der meist über hundert Hörer kennen – gelegentlich ein anderer Student anstelle des Aufgerufenen geantwortet haben soll. Später lockerte sich sein Stil, als er nun die Studenten öfter zum bloßen Zuhören aufforderte: „Legen Sie das Schreibzeug weg und geben Sie obacht!“, sagte er dann mit ernstem Unterton. Er wollte, dass konzentriert zugehört und dann das Gesagte im Gespräch vertieft wird: „Haben Sie das verstanden? Haben Sie Fragen?“ Kein Wunder, dass das Fragen der Studierenden bei überfülltem Hörsaal nicht immer zufriedenstellend gelang. Die Studierenden, anfangs wohl überwiegend im Seminaristen-Talar, in späteren Jahren freier gekleidet, werden es als Hilfe verstanden haben, dass Messner anschließend die Kernsätze zum Mitschreiben diktiert hat. Entscheidend aber war für ihn das Mitdenken jedes Einzelnen. Unterhaltungen der Studenten, auch wenn sie leise geführt wurden, mochte er nicht leiden. Er bediente sich zur Abwehr gelegentlich ironischer Mittel und sagte etwa zu Studenten, welche die Köpfe zusammensteckten: „Würden Sie, was Sie zu sagen haben, auch uns mitteilen, damit der Wissenschaft keine weltbewegenden Ideen verloren gehen?“ Von solchen Kleinigkeiten abgesehen, ist jedoch wichtiger, dass Johannes Messner seine Ethik-Vorlesung immer auch zu einer praktischen Lebenslehre werden ließ. Er riet etwa: „Fangen Sie beim Lesen der Zeitung nie mit dem Sportteil an, lesen Sie zuerst die Wirtschaftsseiten.“ Oder er schilderte eindringlich – und für seine Hörer bis heute unvergesslich – die Kostbarkeit der Zeit und dass man sich bemühen müsse, jede Minute als ein unwiederbringliches Geschenk sinnvoll zu nutzen. Er wird noch Vieles aus der Erfahrung eines in eigenen Krisen gefestigten Lebens und Glaubens ausgeführt haben: Ethik war für Johannes Messner in erster Linie ein jeden Menschen existentiell berührendes und herausforderndes Gebiet. Und so war, wenn man will, als Hochschullehrer, auch durch die von ihm verkörperte Vergeistigung, die Sorge um die Seelen seiner Hörerinnen und Hörer das bedeutsamste Thema.

Die eineinhalb Jahrzehnte nach der Rückkehr an die Universität Wien im Herbst 1950, in denen Johannes Messner sein Arbeitsjahr zwischen Wien und Birmingham aufgeteilt hat, ehe er ab Ende August 1965 ganzjährig inWien blieb, waren Jahre einer kaum glaublichen wissenschaftlichen Arbeitsleistung. Diese muss jeden Betrachter in Erstaunen versetzen. Im katholischen Raum lässt sich von einer sich weltweit ausbreitenden Wirkung seiner Bücher berichten. Die englischsprachige Erstausgabe des „Naturrechts“, das 1949 in St. Louis (USA) und London erschienene tausendseitige Werk „Social Ethics“,erreichte drei Auflagen, die 1950 im Tyrolia-Verlag in Innsbruck erschienene deutsche Ausgabe bis 1966 fünf Auflagen. Messner nutzte sie jeweils zu wesentlichen Erweiterungen.Auch die folgenden Werke wurden teilweise ins Englische übersetzt, dazu gab es Übersetzungen ins Spanische (Die soziale Frage u.a.) und ins Japanische (Naturrecht). Folgende Hauptwerke sind in kaum mehr als einem Jahrzehnt erschienen – Zeugnisse einer unvergleichlichen Produktivität:

Widersprüche in der menschlichen Existenz (1952)

Das englische Experiment des Sozialismus (1954)

Kulturethik (1954)

Ethik (1955)

Die soziale Frage (1956)

Naturrecht, in erweiterten Auflagen (1958, 1966)

Das Wagnis des Christen (1960)

Der Funktionär (1961)

Das Gemeinwohl (1962, erweiterte Auflage 1968)


[1] Anton Rauscher und Rudolf Weiler (Hg.): Professor Johannes Messner. Ein Leben im Dienst sozialer Gerechtigkeit. Innsbruck 2003 (Verlag Kirche, Zitat S. 70 f.). Msgr. Dr. Schultes (geb. 1934) studierte in Wien Theologie, 1959 von Kardinal König zum Priester geweiht, war er nach seelsorglicher Tätigkeit bis 2001 Direktor der religionspädagogischen Akademie in Wien-Strebersdorf.

[2] Die folgende Darstellung beruht auf Äußerungen von Johannes Messner mir gegenüber, in größeren Teilen auch auf Berichten von Dr. Senta Reichenpfader, lange Zeit Hörerin seiner Vorlesungen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s